Das Egetmann Protokoll


 

 

Auszug aus dem Gerichtsprotokoll vom 30. März 1591

 

Das Egetmann Protokoll wird bei jedem Brunnen verlesen und bestand einst aus Sprüchen, die heute verloren gegangen sind. Die alten Sprüche stellten eine Art "cronique scandaleuse" dar, die in Versform die Begebenheiten des abgelaufenen Jahres brachte. Dabei kamen alle bedeutenderen Ortsereignisse zur Sprache, einschließlich auseinandergegangener Verlobungen und unehelicher Kinder. Da es aber dabei einmal einen schweren Zwischenfall gegeben hatte (ein erzürnter Bauer schoss mit scharfgeladenem Gewehr in die Menge), verbot man alles Persönliche und ging vor etwas über hundert Jahren zu feststehenden Versen über.

 

Seit 1965 hat das neu gefasste und im Text teilweise überarbeitete und ergänzte Protokoll, "das in seinen erstarrten Wendungen ebenso derb wie nichtssagend ist", folgenden Wortlaut:

 

 


 

Das Egetmann Protokoll, welches an jedem Dorfbrunnen verlesen wird:

 

Meine liëb’n Leit’,

i bitt’ um Geduld und Aufmerksåmkeit!

Huier geahts über die Frömmen los;

die Dòjgn kömmen òlli afs Sterzinger Moos.

Meine Herrn und Bauern, jetz’ wearn mier sög’n,

wia die Traminer Madlen um den Hearrn Egetmånn trauern.

Der Herr Egetmånn håt g’schriebn und der Briëf isch long verborg’n blieb’n.

 

Er håt g’schrieb’n ån die fålsche Adreß, aber den heutig’n Brief bringt er selber im Kaleß.

 

Und sein löschtes Schreib’n soll nit verborg’n bleib’n!

Drum därf i nit vergess’n, enk den Brief vürzules’n:

 

"Herzgeliebte, zweifle nicht an meiner Treu,

daß i nur für Dich und keiner andren sei.

Das fünfte Jåhr ist es, daß i mit Dir schmus

und das sechste Blått wird Dir sòg’n,

daß i unbedingt heirat’n muaß.

Gib recht åcht, wenn i kimm

und Dich beim A… A… Arme nimm!

Sag’ niemals nein, weil i sunst grantig bin.

Mier wassern alle Zähn nach Dir,

wia in an Fuchs vor der Hennentür.

In åller Eil schreib’ i den Brief

ohne Feder und Papier - die Post geat åb -

und i bleib’ hier!"

 

Jå, meine Traminer Menscher, nehmts enk in åcht,

daß enk der Herr Egetmånn koane Questionen måcht!

 

Meine liab’n Traminer Madlen,

teats miers nit für Uebel nehmen,

daß i bin um an Stapfl höher aufikemmen!

 

Huier håb’n mr a nuis Protokoll; es steaht nix g’schrieb’n, es isch nix zu les’n und es isch no bei koan Fürst und ba koan König g’wes’n.

 

G’schrieb’n håts der Kòchlschmied mit’n rueßig’n Hòmmerstiel.

Und zuapatschiert hòts der Dreckknöter va Gastein

åber va wöm weard öpper dös! Protokoll sein?

 

Dös Protokoll isch vom Hearrn Egetmånn,

der va Hunger nimmer scheiß’n kònn.

 

Sein tuet’s voller Witz

und der gònze Schmòrrn kostet nix.

 

Studiert hòt er va Treant bis Paris

und können tuet er òlm nou nix.

 

Wohnhòft isch er in Proveis

und hob’n tuet er òlm die Scheiß.

 

Jetz’ wiss’n mier no koan Titl und koan Nòmen

und a nit, va wohear er tuat stòmmen.

 

Hearstòmmen tuat er va Untervintl,

hòt a Grintl wia a Hündl, a Bartl wia a Goaß,

und die Traminer Madlen möcht’n gearn wiss’n,

wia der Hearr Egetmònn hoaßt.

 

Hoaß’n tuet er: Fux, Hòns Tomele Schwònz,

wòs nit derriss’n isch, isch òlls gònz.

 

Der Egetmònn hòt a Ess’n

dös koa Hund tat fress’n.

 

A Kuchl hòt er ohne Tür,

dò hängt er lei a Sòcktüechl vür.

 

Der Egetmònn hòt an Orsch wie a Penn’

und er woaß nit, isch er a Gigger oder a Henn’.

 

Der Egetmònn isch a toller und reicher Monn,

den a jed’s Traminer Madl hòb’n kònn.

 

Er håt a Haus, a Stuck und a Leit’n

und wenn man af der ober’n Seit’ fürgeaht,

liegt òlls af der untern Seit’n.

 

Er hòt a Bett ohne Leintuëch und Deck’n

drum mueß er den Orsch in Of’n einisteck’n.

 

Sei’ Häus’rin isch a rechte Sau,

hòt an Kitt’l voll Dreck

und den Rotz wirft sie mit die Händ aweck.

 

Der Egetmonn hòt an Stòll ohne Rinder,

a Stub’n und koane Kinder,

an Pfluag ohne Schar,

a Kröd ohne Radl,

a Gòbl ohne Spitz

und a Messer, dös schneidet nix.

Er hòt an Löffl der isch nit hohl

und so a Glump hòt er a gonzes Tischtatl voll.

 

Der Hansl hòt an kurios’n Mògn,

der konn koan òlt’n Leps vertrog’n.

 

As Hirn hòt ear ban Orsch

und in die Darm hòt er an Mist

vo’ Sògmehl und Hinterlist.

Und um die Welt zu vermeahr’n,

muèß er sein Stònd verkeahr’n.

 

Der Egetmònn hòt an ead’n Grund,

a dörrige Kuah und an tschergget’n Hund,

an Fòck ohne Spöck und die Hütt’n voll Dröck.

Und wög’n seiner lången Nòs’n

müaß’n mier den Egetmònn heirat’n loß’n!

 

Huier weard a guet’s Jòhr im Lònd

weil viele Maschgra sein und òllerhònd

Schnòppviecher und Burgltreiber,

fesche Madlen und wilde Weiber.

 

Und weil der Egetmònn heirat’n tuat,

g’rot’n Wein und Obes guat!

 

Jo, heirat’n tat a jede gern,

wenn sie kannt a Bäurin weard’n.

 

Ober die Bauern sein dünn g’sant

und feart’n hot a poor der Bòch eing’lahnt.

 

Die Traminer Buam hob’ns nit g’neatig

und hob’n a koan Heirats-Weahtig.

Derweil verzappern die Madlen gonz

und nehmen zu Trutz an jed’n Schwonz.

 

Huier isch es òber aus mit’n Heiratsgfrett:

Seit heint isch der Egetmònn selber ban Brett.

 

Jetz’ weard ’s sög’n, wia die Madlen hupf’n

und vo’ Freud die Kittelen lupf’n.

 

Jo, ös Madlen, mit krumpe Wadlen,

teat ’s enk putz’n und zier’n

åber teats mier en Egetmonn nit verfüehrn!

 

Die Zenzi reibt seit gestern früah

mit Striegl und Bürst die schwòrz’n Knia,

daß der Hansl, wenn er kimmt,

nit schun wieder Reißaus nimmt.

 

Ober as gonze Kròtz’n und Putz’n

tuat der Zenzi nit viel nutz’n,

weil hint’n und vorn der gonze Dröck

geaht in oanmol nit awöck.

 

Der Egetmomm konn koa ondre nehmen

weil er erst göster vo der Frömd isch kömmen.

 

Meahr als oane konn er nit hob’n

und die ondern fress’n olle die Schòb’n.

 

G’roast isch er vo’ Pråg bis Böhmen

und jetz isch er af Tramin hear kömmen.

 

Der Egetmonn isch g’lenk,

er hupft über Stüehl und Bänk,

er springt über Stoan und Plott’n

noch’r isch ihm a Patzl in die Hos’n g’rot’n.

 

Åber weil’s gròd der Hearr Egetmonn isch,

nehmen ihn die Madlen frisch

z’somt sein gonz’n Nutz’n

und tean ihm die Hos’n ausputz’n.

 

Früher hòt dös die Stocker Lena ’ton

aber weil die Knödl-Tona

wög’n der Schnegg’n Moidl

mit der Gigger-Hanna

nimmer röd’n tuet,

tuet die Reiser-Strutz’n

a koan Dröck meahr putz’n.

 

Jo, meine Hearrn,

um Jörgi weard die Hochzeit weard’n.

 

Die Hochzeit weard weard’n

beim Wirt zum Stearn

wo olle Zigeuner

und Törcher einkeahrn.

 

D’rum Wirtin, loß di’ sauber rasiern,

learn’ a pòòr guete Manier’n.

Wasch’ dier dei Gfriß und die Händ

und die Gosch vom vorlöscht’n Plönt.

 

Zur Hochzeit weard’n g’lòd’n

lauter Herrn voller G’nòd’n:

 

Der Hennenmårder vo’ Unterfenn,

der Vielfròß vo’ Glen,

der Hungerleider vo’ Gfrill,

der Hundschinder vo’ der Vill,

der König vo’ Graun.

Der Pappendröck vo Trud’n,

der Hundwurster vo Salurn.

 

Der Bürgermeister vo Gschnon,

die Schworzbrenner vo Pinon

und der Bettfetzer vo Radein

mueß a dabei sein.

 

Bei der Hochzeit gibt’s sieb’n Richt’n:

Drei laari und vier Nicht’n.

 

G’spieb’ne Gerst und Heislwürst,

aufghåckte Rebschab, gedämpfte Schnüermieder,

ånbrennte Schmirber, g’reastete Hegadex’n,

Kübelemilch mit Rotzschnegl drein,

dös weard vo die Brautleut ’as beste Konfekt sein.

 

Sölla Gfraß kriegt a jeder g’nua,

wenn er lei Appetit hòt dazua.

 

Der Egetmonn isch a Hungerleider,

frißt und sauft wie a Fòckntreiber;

der saggra Malefitz

gibb in seine Maschgra nix.

 

Mier können den Egetmonn

bold nimmer verkünd’n

weil af Tramin

olli Brunnen verschwind’n.

Dem Hansl zur Eahr

teats weanigstens laari Stander hear!

 

Drum, meine Hearrn und Bauern,

denkt ’s an die òlte Sitt’

und vergeßt ’s den Hearrn Egetmonn

und sein Ånhång nit!

 

Die letzte Bitt’ soll sein:

A guets Glasl Wein!

 

Der oane hòt a Leit’n, der åndre a Stuck

und krieg’n m’r koan Guat’n

noch’r bitt’n m’r um an Druck!

 

Zum Schluss vom Ting-Tong

nou an Grueß vom Egetmonn!

 

Håt enk g’foll’n, der gonze Schmòrr’n?

sunst suecht’s enk ondre Nòrr’n!